Sonntag, 5. März 2006

Going Underground III: Streik!

Am kommenden Dienstag werden in Lyon wieder einmal U-Bahnen, Trams und Busse bestreikt! Streiken ist ein äußerst beliebter französischer Volkssport, sodass er mit einer relativen Wahrscheinlichkeit im Schnitt alle sechs Wochen stattfindet. Dabei unterscheidet der Streik-Kenner zwei Arten:

1) der spontane Streik, der in Kraft tritt, wenn z.B. ein Busfahrer angepöbelt wurde und alle Kumpels aus Solidarität die Arbeit niederlegen, oder wenn es zu
Unwetterkatastrophen
kommt. In diesem Falle steht dann der arme Fahrgast beispielsweise an der Tramhaltestelle und muss zusehen, wie eine Tram nach der anderen hochnäsig an einem vorbeifährt, da sie ins Depot zurückgeführt wird.

2) der angekündigte Streik, der dazu gedacht ist, Lohnforderungen oder Ähnliches durchzusetzen.

Screenshot über Streikankündigung in LyonStreikankündigung im Internet auf www.tcl.fr

Am 7. März haben wir es mit der zweiten Variante zu tun. Angekündigt wurde das Freitag nachmittag, gerade richtig zum Wochenende. Das lässt dem beflissenen Lyoner (und auch mir) etwas Zeit, nach Ausweichmöglichkeiten zu suchen. Eine Idee besteht darin, sich trotz aller Vorwarnungen ins Abenteuer Öffentliche Verkehrsmittel zu stürzen. Damit das Spiel spannend bleibt, werden erst am Streiktag selbst morgens um 6 Uhr auf der Internetseite der TCL die geschätzten Verfügbarkeiten der einzelnen Busse und Bahnen veröffentlicht. Das darf sich der gut organisierte Deutsche folgendermaßen vorstellen: Die Tramlinie 2 wird zu 55% befahren sein. Was dies im konkreten Fall bedeutet, weiß also niemand so genau. Aber immerhin!

Hat man es schließlich geschafft, sich in eine bereits überfüllte Bahn zu quetschen, geht der Fahrspaß erst richtig los. Die Tram ächzt unter dem Gewicht, und bei jeder Kurve bekommt man das Gefühl, als würde das Gefährt umkippen. Tut es aber nicht, die Tram fährt einfach nur noch langsamer als gewöhnlich. Ganz nebenbei wird die Luft enger, sodass ich klaustrophoben Menschen von dieser Art Bahnfahren dringend abrate.

Seien wir also das nächste Mal ein wenig schlauer und nehmen wir das Auto, das uns großzügig angeboten wird. Leider bin ich längst nicht die Einzige, die so denkt. Die Zufahrtsstraßen sind demzufolge noch voller, die Menschen sind gereizt, denn wer wird denn schon wegen eines Streiks früher zur Arbeit fahren als sonst??? Das ist schließlich die beste Ausrede fürs Zuspätkommen. Da sich französische Großstadtmenschen aber nun mal gerne über alles aufregen, kann diese Fahrt in einer Reihe von Auffahrunfällen enden.

Was also tun? Naja, ich habe ja noch zwei Tage zum Entscheiden...

Weitere Geschichten auf diesem Blog

Keine Kommentare: