Montag, 22. Mai 2006

Wetterwechsel - changement de temps

Vom Regen in die Traufe?
Mein Tapetenwechsel in Lyon ist also vollzogen. Wohnte ich vorher in einem kleineren, chaotischen und teilweise etwas unsauberen Stadtviertel, hat es mich nun in eine wohlhabendere Gegend verschlagen.

Ich habe die verrückte Nachbarin im Stockwerk über mir - deren Tochter es ab und an sehr schick fand, nachts um drei in ihrem Zimmer Inliner zu fahren - gegen zwei ältere Damen links und rechts neben mir eingetauscht. Obendrein steht mein neues Zuhause unter dem ständig wachenden Blick einer "Guardienne", einer Art Hausmeisterin, die ihrem Beruf als "Concierge" wirklich alle Ehre macht: Bei der Lieferung meiner Waschmaschine stand sie sofort auf der Matte, als sie hörte, dass sich jemand mit viel Eifer und Gebrüll an der Aufzugstür (auch das ist neu im Vergleich zur vorherigen Wohnung!!!) zu schaffen machte. "Passen Sie auf die umliegenden Mauern auf!" Ok, diese Frau nimmt ihren Job also ernst.

Demnach war ich nach meiner ersten Begegnung mit der Concierge sogleich gebrandmarkt: Die Neue, eine der wenigen Personen im Hause, die "nur" Mieterin ist und nicht Wohnungseigentümerin... verdächtig! Und dann noch mit so einem seltsamen Akzent.

Oben angekommen, das gleiche Spiel noch einmal mit einer meiner neuen Omis: Die ältere Dame stand adrett zurechtgemacht (im Nachthemd und barfuß, aber mit einer doch recht ansehnlichen Frisur) in ihrer Wohnungstür und sorgte sich ebenfalls um das Wohl ihrer Mauer, die beim Öffnen der Aufzugstür einen leichten Schlag erlitten hatte.

Auf diese Art erfuhr ich dann sogleich, dass die sehr wohl situierte Dame (leider konnte ich mir ihren Namen nicht auf Anhieb merken) Witwe war und vormals mit einem Slowenen verheiratet war.

Meine andere Nachbarin bekam ich einige Tage später zu sehen, als sie mir netterweise das Päckchen vorbeibrachte, das ihr der Postbote für mich dagelassen hatte. (Darin befand sich übrigens mein DSL-Modem, mit dessen Konfiguration ich auch noch so einigen Spaß hatte.) Sie erzählte mir, dass sie jedes Wochenende in ihrem Haus auf dem Lande verbrachte, und dass dort ebenfalls ihr Freund wohnte. Süß!

Und nun? Ich werde neu erzogen: Die Concierge lauert an jeder Ecke, und ich bin mir sicher, dass sie jeden meiner Schritte überwacht, vor allem diejenigen, die ich Richtung Mülltonne lenke. Denn jedes Mal, wenn ich versuche, etwas wegzuwerfen, erklärt sie mir, in welche Tonne ich welchen Abfall werfen muss!

Was für ein neues Leben! Von einem Dasein, in dem ich durch einen dunklen, miefigen Hauseingang stapfen musste, und wo jeder seinen Müll wahllos übereinander stapelte, komme ich nun in diese kleine bornierte und bourgeoise Welt, in der die Hausmeisterin tatsächlich den "falschen" Müllsack aus der Tonne fischt, damit ihn der Übeltäter in das richtige Behältnis tut. Ich fühle mich, als wäre ich sieben Jahre alt und warte mit großer Vorfreude auf das große Fest kommende Woche, an dem sich alle Hausbewohner in dem kleinen schmucken Garten zu einem Umtrunk treffen.

Keine Kommentare: